Meine Homepage hat mir in den letzten Tagen viel zu denken gegeben. Die Texte, die hier noch verfügbar sind, lesen sich wie ein verkürztes Tagebuch, das mich an vergangene Phasen erinnert die ich im Laufe der letzten Jahre durchlebt habe.
Ich bin jetzt seit einigen Monaten wieder verstärkt damit beschäftigt, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Grund dafür ist eine Krankheit die ich schon lange mit mir rumschleppe, hier aber noch nie wirklich thematisiert habe; ich leide seit ca. 14 Jahren an einer rezidivierenden depressiven Störung. Seit gut einem Jahr befinde ich mich wieder in einer heftigeren depressiven Phase, die mich reichlich beeinträchtigt. Verständlicherweise will ich die genauen Details meines Krankheitsverlaufs an dieser Stelle nicht erörtern, aber wenn ich sage dass ich seit einiger Zeit ziemlich am Boden bin, sollte das einen angemessenen Eindruck von meiner momentanen persönlichen Situation vermitteln. Teil meiner gedanklichen Arbeit, mit dem Ziel der Besserung meines Zustands, ist die Rekapitulation vergangener depressiver Phasen, und meinen mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen, mit ihnen umzugehen.
Und in diesem Zusammenhang ergeben meine alten Texte durchaus einen Sinn.
Ich habe die erste Fassung meiner Homepage vor schätzungsweise 8 oder 9 Jahren erstellt. Schon damals hatte sie vorwiegend eine Ventilfunktion für meine Komplikationen, die sich unter anderem aus meiner Erkrankung ergeben haben. Hier, auf meiner Homepage, hatte ich den nötigen Freiraum, meinen Entfremdungsgefühlen von meinem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld Ausdruck zu geben. Meine Texte waren die Ergebnisse verschiedener Meditationen über meine Ohnmacht und Hilflosigkeit in diesem Umfeld, in dem ich meistens vergeblich nach Verständnis, Liebe, Akzeptanz und einem gewissen "Sinn" gesucht habe. Diese Meditationen gingen bald so weit, dass ich mich einer starken introspektiven Verklärung hingegeben habe, in der ich mich gewissermaßen zu einem modernen Märtyrer stilisierte.
Damals sah ich mich als Charakter mit "reinem Herzen und guten Absichten", der sich widerstandslos einer "verdorbenen, hoffnungslosen, unwürdigen Welt" auslieferte.
Inzwischen kann ich sagen dass ich diesen Sturm und Drang-Pathos meiner Jugend relativ weitgehend, wenn auch nicht komplett hinter mir gelassen habe (ein wenig Pathos macht das Leben spannender, kein Scheiss). Deswegen kann ich auch gut nachvollziehen, warum ich mit meinen alten Texten nie so wirklich den Effekt bei meinen Lesern erzielt habe, den ich damals so sehr zu erreichen versuchte. Wer will schon was mit einem Dauerlaberer zu tun haben, der sich auf einem scheinbar selbst auferlegten Opfergang befindet.
Aber was mich immer noch mit dieser nicht-ganz-so-guten alten Zeit verbindet ist die Depression. Ich fühle mich immer noch häufig einsam und unverstanden. Und ich leide immer noch an einer relativen Ohnmacht gegenüber einer empfundenen sozialen Kälte, von der ich allerdings inzwischen überzeugt bin, dass sie nicht lediglich ein Symptom meiner durch die Depression gestörten Wahrnehmung ist, sondern auch eine (relativ) objektiv feststellbare Konsequenz unserer Gesellschaftsordnung.
Warum objektiv feststellbar?
Sehen wir uns mal ein paar Statistiken an:
Außerdem:
Und nicht zuletzt:
Zugegebenermaßen ist es praktisch gesehen nahezu unmöglich, objektiv gültige, umfassende Feststellungen über die Auswirkungen gesellschaftlicher und sozialer Faktoren auf bevölkerungsweite soziopsychologische pathologische Tendenzen zu machen. Die zu berücksichtigenden Faktoren sind schwer in ihrer Gesamtheit zu ermitteln und ihre Zusammenhänge sind so komplex wie der menschliche Verstand (ja das ist verdammt komplex, auch wenn man das nicht jedem Menschen anmerkt).
Meine Position wird allerdings dadurch bekräftigt, dass ich Betroffener bin. Kritisch könnte man einwenden, dass dadurch meine Urteilskraft beeinträchtigt ist. Unterstützend könnte man anmerken, dass ich ziemlich genau weiß, wovon ich rede.
Wie dem auch sei, ich bin nach Jahren der ergebnislosen Selbstverurteilung zu der Überzeugung gelangt, dass einer der wesentlichen Faktoren, der zur Entstehung einer Depression und anderer mentaler Störungen beitragen kann, das gesellschaftliche Klima ist, in dem wir uns bewegen. Die Verantwortung für unsere geistige Gesundheit liegt nur so weit bei uns selbst, wie wir einen aktiven Einfluss auf unsere umgebenden Umstände haben. Und der ist, wie man's auch dreht, nicht uneingeschränkt.
Ich bin überzeugt, unsere Gesellschaftsordnung, unser Wirtschaftssystem, unsere politische Regierung trägt dazu bei dass ein Großteil der Bevölkerung nicht nur finanziell, sondern auch geistig geschädigt wird. Ich glaube, der Mensch braucht einen gesunden Freiraum, in dem er sich kreativ und produktiv entfalten kann. Ich glaube, der Mensch braucht Stabilität und Sicherheit, um positiv zur Entwicklung seiner Gesellschaft beizutragen. Ich glaube, der Mensch braucht Eigenverantwortung, um Verantwortungsbewusstsein entwickeln zu können. Und ich denke die Hauptfaktoren, die diese Grundvoraussetzungen verhindern, sind die politische Entmündigung durch ein Regierungssystem, in dem sich vorwiegend die Interessen einer mächtigen Minderheit durchsetzen. Und ein Wirtschaftssystem, in dem durch Konkurrenzdruck und oligopolistische Feudalherren (Bankensystem, Finanzmarkt, Konzerne) die breite Bevölkerung gegeneinander ausgespielt wird, breite Kollektivinteressen keine Durchsetzungskraft haben und das Individuum in die Mittellosigkeit und Obdachlosigkeit getrieben wird, wenn es (aus welchen Gründen auch immer) nicht Teil dieses asozialen Konkurrenzkampfes sein kann oder will.
Und das sind die Gründe für mein politisches Bewusstsein, das auch hier auf meiner Homepage immer mehr zum Thema wird. Der dramatische Opfergang jugendlicher Irrationalität führte für mich zur konkreten Kampfansage gegen unser asoziales politisches System.
Underdog goes politics. Krass, alter.