Seit Bestehen meiner Website gab es immer wieder Meldungen von Besuchern, die ganz enttäuscht davon erzählten, dass sie durch google-Suche nach einem bestimmten Theaterstück von Molière auf meine Seite gestoßen sind. Das ist durchaus nachvollziehbar, dieses Theaterstück heißt nämlich "Der Menschenfeind" (im Original "Le Misanthrope"). Weil ich davon ausgehe, dass ich immer noch einen beträchtlichen Teil meiner spärlichen Besucherzahlen Molière zu verdanken habe, und weil mir außerdem gerade mal wieder langweilig ist, möchte ich hier ein paar Infos über Molière und sein Theaterstück zusammentragen - auf dass euer Weg auf meine Website nicht vollkommen umsonst gewesen sei!
Weiterführende empfehlenswerte Links über Molière und "Le Misanthrope" findet ihr am Ende der Seite.
Molière (eig. Jean-Baptiste Poquelin, 1622-1673) wurde in Paris als Sohn eines bourgeoisen Elternhauses geboren. Als Kind der französischen Oberschicht war ihm eine hervorragende Schulbildung ermöglicht. Seine Schullaufbahn wurde auf einer prestigeträchtigen Eliteschule, der Lycée Louis-le-Grand, abgeschlossen, seinen Bildungsweg setzte er mit einem Jurastudium in Orléans fort. Während seiner Schulzeit verstarb seine Mutter, als Molière junge 10 Jahre alt war.
Im Alter von 21 Jahren begann Molière seine Laufbahn am Theater mit der Gründung des "Illustre Théâtre", gemeinsam mit der damalig recht erfolgreichen Schauspielerin Madeleine Béjart. Das Repertoire des Illustre Théâtre umfasste zahlreiche Stücke verschiedener populärer Genres, mit dem Schwerpunkt der Tragikkomödie. Zu diesem Zeitraum begann Molière auch das Schreiben und Aufführen seiner ersten selbstverfassten Theaterstücke. Die Schauspieltruppe konnte sich nicht länger als 2 Jahre über Wasser halten, und wurde hochverschuldet aufgelöst. Als Folge wurde Molière für einen kurzen Zeitraum in Schuldhaft genommen.
Anschließend gründete Molière ein neues Ensemble, die "Troupe de Molière". Mit dieser Truppe wanderte er bis 1658 durch Frankreich und erzielte erste größere Erfolge. Das gewonnene Prestige ermöglichte eine Aufführung im Louvre, der der König höchstselbst beiwohnte. Nach dieser Aufführung begann Molière seine intensive Arbeit an verschiedenen renommierten pariser Theatern.
Mit dem 1659 uraufgeführten "Les Précieuses ridicules" thematisierte er auf satirische Art die damalig üblichen sozialen Bräuche der pariser Gesellschaft. Diese Art der subtilen satirischen Gesellschaftskritik sollte für viele seiner späteren Werke typisch werden. Das 1660 aufgeführte "Sganarelle, ou Le Cocu imaginaire" trug erstmalig für Molière ebenfalls typisch werdende melancholische Züge in der Dramatisierung zwischenmenschlicher Beziehungen.
1664 avancierte Molière zum Vergnügungsdirektor des Königs, wodurch ihm eine relative Freiheit zur Kontroverse garantiert wurde. "L'École des femmes" war eine Satire auf die mangelhafte Bildung junger Töchter reicher Familien. Ein folgendes Theaterstück war eine Satire auf Theaterkritiker.
Molière's Tendenz zur komischen Bloßstellung der feinen Gesellschaft handelte ihm einige Kritik ein, der sogenannte "Krieg der Komödie".
Die feine pariser Gesellschaft war bemüht, Molière zu diffamieren, sein gesellschaftliches Ansehen zu schädigen, seine Stücke verbieten zu lassen. Da Molière, vermutlich aus strategischen Gründen, die Monarchie nie zum Kernthema seiner satirischen Theaterstücke machte, gab ihm der König stets Rückendeckung, und Molière's Kritiker hatten somit keine nennenswerten Erfolge mit ihren offenen Angriffen. Eine Ausnahme stellt das Stück "Tartuffe, ou L'Imposteur" dar, das wegen für damalige Verhältnisse skandalöser Darstellung der Scheinheiligkeit der Bourgeoisie verboten wurde.
1666 schrieb Molière "Le Misanthrope" - "Der Menschenfeind", das inzwischen wohl bekannteste Stück Molière's. Der durch starke moralische Untertöne getragene Inhalt machte aus dem Stück zur Zeit der Veröffentlichung allerdings einen kommerziellen Misserfolg, da das populäre Interesse vorwiegend auf heitere Komödien gerichtet war.
Molière wandte sich wieder der eher heiteren Gesellschaftssatire zu und blieb kontrovers.
Seine Tuberkulose, die er sich vermutlich während seines Gefängnisaufenthalts zuzog, führte zu einem Zusammenbruch während einer Vorführung seines letzten Stücks, "Le Malade imaginaire". Wenige Stunden später starb er, ohne die für die damalige Zeit übliche Absolution erhalten zu haben - keiner der ortsnahen Priester ließ sich hierzu bereiterklären.
Der Menschenfeind ist eine 1666 von Molière geschriebene und uraufgeführte Komödie.
Protagonist des Stücks ist Alceste, ein adliger Moralist mit Neigung zur idealistisch motivierten Misanthropie. Im Laufe des Stücks, das durch aufeinanderfolgende Dialoge zwischen den Charakteren voranschreitet, offenbart Alceste seine verachtende Haltung gegenüber der Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit der adligen Gesellschaft. Trotzdessen pflegt Alceste enge Beziehungen in seinem Stand.
Philinte ist Alceste's engster Freund, mit dem Alceste seinen gesellschaftlichen Konflikt freiheraus bespricht und auf teilweises Verständnis stößt.
Das Hauptinteresse Alceste's gilt Célimène, einer eher freizügigen jungen Witwe, die, neben Alceste, von noch vielen anderen Junggesellen des Adelstands umworben wird. Dieser Kontrast zwischen den Persönlichkeiten Alceste's und Célimène's erzeugt die Grundspannung des Stücks. Alceste idealisiert seine Liebe zu Célimène und sucht in dieser starken Zuneigung einen tiefgründigen Lebenszweck, der die Oberflächlichkeit gesellschaftlicher Konventionalität durchbricht. Das offenkundige Interesse anderer Frauen lässt ihn kalt. Célimène hingegen wird als eher naiver Charakter dargestellt, mit dem scheinbar einzigen Interesse des Begehrt-Werdens, das sich in weitgehend unkritischer, opportuner Anpassung an gesellschaftliche Bräuche äußert. Spielerisch lässt sie sich von mehreren Junggesellen umwerben, ohne sich endgültig festzulegen.
Dieser Kontrast der beiden Charaktere findet seine dramatische Offenbarung mit dem Aufdecken eines eigentlich heimlichen Briefes Célimène's, in dem sie ihre Verehrer - einschließlich Alceste - verspottet.
Nachdem sich hierauf die feine Gesellschaft von Célimène abwendet und ihre Verehrer das Interesse verlieren, vergibt Alceste Célimène und bittet sie, ihn zu heiraten und sich mit ihm auf seine Landgüter zurückzuziehen.
Célimène lehnt ab und will Teil der feinen Gesellschaft bleiben. Alceste beschließt, von nun an die Gesellschaft hinter sich zu lassen und in Einsamkeit zu leben.
Warum gilt "Le Misanthrope" als wichtigstes Werk Molière's? Zum einen wohl wegen der dokumentarischen Qualität bezüglich der französischen Adelsgesellschaft des 17. Jahrhunderts. Die Dialoge sind bestimmt durch feinsinnigen Wortwitz, der exemplarisch die Eigenheiten und Widersprüchlichkeiten des Habitus der französischen Aristokratie persifliert.
Zum anderen geht man davon aus, dass "Der Menschenfeind" einen autobiographischen Aspekt hat. Molière selbst hatte, wie Alceste, einen anhaltenden Widerwillen gegenüber der Anpassung an soziale Normen der höfischen Gesellschaft, der sich bis zum seinem Tode in Form gesellschaftssatirischer Tendenz in seinen Stücken bemerkbar machte. Zudem wird die Figur Célimène allgemein als Entsprechung von Molière's Frau Armande verstanden, die 21 Jahre jünger als er war und scheinbar wesentliche Eigenschaften Célimène's teilte. Und nicht zuletzt hat Molière Zeit seines Lebens die Rolle Alceste's in Aufführungen des Stücks selbst übernommen.
Ich selbst habe das Stück übrigens durch die bei amazon erhältliche Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger kennengelernt. Der gute Herr Enzensberger hat das Stück auf die moderne deutsche Schickeria umgedichtet - mein persönliches Urteil: Nee, lass ma.
Laut Wikipedia gibt es eine "zeilengenaue, gereimte Versübersetzung" von Rainer Kohlmayer, das klingt doch ganz gut oder was.
The Misanthrope (Englische Übersetzung auf bibliomania.com)
Englische Molière-Biographie auf Imagi-Nation
Englische Molière-Biographie auf Wikipedia
Rainer Kohlmayer über seine Übersetzung